Vorname Ida Anne Alwine, geb. Reppin
Nachname Hilzheimer
Geburtsname Reppin
Geburtsdatum 27.10.1873
Geburtsort Krien/Anklam, Vorpommern
Wohnort(e)
  • Stralsund, Ossenreyestraße 46
Beruf Geschäftsführerin, Hausbesitzerin
Geschäftsadresse "Samenhandlung Hilzheimer", Ossenreyerstraße 46, Stralsund
Familienstand verwitwet
Verwandschaftsverhältnis Witwe von Dr. Ernst Hilzheimer (1866-1932), Mutter von Hannah, Ernst, Alfred, Gerhard, Sophie-Charlotte
Deportation keine
Todesdatum 01.05.1942
Sterbeort unbekannt

Ida Hilzheimer, geb. Reppin

Das Ehepaar Ernst Emanuel Alfred (1866-1932) und Ida Anne Alwine Hilzheimer (1873-1941), geb. Reppin, heiratete am 5. April 1896 in Anklam und nahm seinen Wohnsitz in Stralsund. Ernst hatte Landwirtschaft studiert und übernahm in jenem Jahr die 1807 von M. Lorgus im Mönchenhof 6 (heute Carl-Heydemann-Ring) gegründete und betriebene Baumschule und Gärtnerei.

Ernst war Jude, gehörte aber nicht zur Stralsunder Synagogengemeinde, sondern war wie Ida evangelisch getauft und ein aktives Mitglied der Jacobigemeinde. Ida hatte keine jüdischen Vorfahren. Sie wurde am 27. Oktober 1873 in Krien bei Anklam/Vorpommern als Tochter nicht-jüdischer Eltern geboren. Bis zum September 1935 lebte die Familie in gutbürgerlichen, gehobenen Verhältnissen. Ihr Geschäft und ihre Wohnung in der Haupteinkaufsstraße Stralsunds zeugen davon. Mit der Annahme des „Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes“ änderte sich vieles. Von nun an galten die Hilzheimer-Kinder als Mischlinge 1. Grades und die einfachsten Dinge wurden zu Problemen.

Ernst und Ida hatten fünf Kinder. Am 8. März 1899 kam in Stralsund ihr erstes Kind, Hannah, zur Welt. Sie überlebte die Naziherrschaft, arbeitete in ihrem erlernten Beruf als Bibliothekarin im Stadtarchiv Stralsund und war eine engagierte Ehrenamtliche für die Blindenarbeit der St. Mariengemeinde.

Ein Jahr später, am 23. April 1900, verzeichnet das Stralsunder Geburtenregister die Geburt des Sohnes Arthur Max Alfred. Arthur wurde Schauspieler in Berlin und Kommunist. 1935 heiratete er im Standesamt Berlin-Mitte. Ein Jahr später wurde er verhaftet und wegen illegalen Widerstands zu Zuchthaus verurteilt. Er überlebte Zuchthaus, Arbeitslager und das Strafbatallion 999. Am 1. Mai 1968 starb er in Berlin.

Der zweite Sohn, Ernst Alfred Max, wurde am 8. April 1901 in Stralsund geboren. Nach einem Chemiestudium und der Dissertation in Greifswald und Berlin war er in verschiedenen Berufen tätig, da er als „Mischling 1. Grades“ immer wieder seine Anstellung verlor. Im Zweiten Weltkrieg wurde er in einem Arbeitslager interniert. Er kehrte nach dem Krieg nach Rostock zurück und gehörte 1946 zu den Mitbegründern der dortigen Ortsgruppe der LDPD.

Ernst Alfred heiratete und hatte mit seiner Frau zwei Kinder. Verschiedene höhere Funktionen im Staatsapparat der DDR und eine leitende Stellung im Buna-Werk in Schkopau bedingten den Umzug. Nach Erreichen des Rentenalters zog es ihn erneut nach Rostock, wo er 1986 verstarb.

Das vierte Kind des Ehepaares, Gerhard Max Fritz, wurde am 10. August 1904 geboren; ebenfalls in Stralsund. Er führte die Samenhandlung durch die Zeit des Krieges und auch noch in den ersten Nachkriegsjahren.

Die Ossenreyerstraße 46 beherbergte anfangs nur die Samenhandlung und den Blumenladen der Fa. Ernst Hilzheimer, vormals M(atthias) Lorgus, während sich die Baumschule und die eigentliche Gärtnerei in der Nähe des Bahnhofes, am Tribseer Damm 4 befand. Dort wohnte die Familie auch. Erst 1924 tauchen Ernst und Hannah Hilzheimer im Wohnungsanzeiger Stralsunds mit der Anschrift Ossenreyerstraße 46 auf.

1912 kam das letzte Kind des Ehepaares, Sophie-Charlotte, in Stralsund zur Welt. Wie ihre Geschwister wurde Sophie in der Jacobikirche getauft und gehörte zur dortigen Gemeinde. Sie besuchte die Schule in Stralsund, wie wir aus einem Brief von ihr erfahren, den sie 1946 aus Rostock-Reutershagen schrieb, um einer ehemaligen Mitschülerin ein Zeugnis auszustellen. Sophie-Charlotte heiratete in Rostock den Juden Helmut Liebenthal (1907-1964) und arbeitete 1933 bis 1945 als Säuglingskrankenschwester in Rostock. In der DDR wurden nur sie und ihr Bruder Ernst als Verfolgte des Naziregimes anerkannt.

Ida Hilzheimer, die nach dem Tod ihres Ehemannes im Oktober 1932 die Geschäftsführung der Samenhandlung innehatte, verstarb am 1. Mai 1942. Gerhard folgte als Geschäftsführer und schaffte er es, trotz aller Widrigkeiten der Nazizeit und des Krieges, den Familienbetrieb über denselben zu retten. Was der Krieg nicht vermochte, schafften fünf Jahre Einzelhaft in Bautzen in Folge einer Verurteilung zu 25 Jahren Haft, aus der er im Zuge einer Amnestie vorzeitig entlassen wurde. Gerhard Hilzheimer verlor seinen Lebensmut und verließ mit seiner Frau Charlotte die DDR. 1974 verstarb er in Westdeutschland.

Außer Hannah, die bis zu ihrem Tod 1974 in Stralsund im Schwesternheimathaus lebte, ist keines der Hilzheimer-Kinder an den Ort ihrer Kindheit zurückgekehrt.

Quelle:

  1. Wohnungsanzeiger der Stadt Stralsund 1926-1951
  2. Eintrag in www.mappingthelives.org
  3. Geburtsregister der Stadt Stralsund aus den Jahren 1899, 1900, 1901, 1904 und 1912.
  4. Stadtarchiv Stralsund, Rep. 50, Nr. 350b, Mitgliedsausweis G. Hilzheimer LDPD
  5. Stadtarchiv Stralsund, Rep. 18, Nr. 1094, Gewerbepolizei Stralsund zur Samenhandlung Hilzheimer
  6. Stadtarchiv Stralsund, Rep. 54, Nr. 546, Kulturverwaltung, Archiv und -Bibliothek, Stadtbibliothek 1945/46
  7. Sterberegister der Stadt Stralsund
  8. Stadtarchiv Stralsund, NHöw, Abschrift eines Briefes von Sophie-Charlotte Hilzheimer
  9. Stadtarchiv Stralsund, Po 4*696.122, Artikel aus der „Pommerschen Kirchenzeitung“ Nr. 45, vom 08.11.1998 (Autor: Heide Eggert)