Vorname Adolph/Idel
Nachname Polewoy
Geburtsname
Geburtsdatum 26.01.1893
Geburtsort Odessa, Ukraine
Wohnort(e)
  • Stralsund, Papenstraße 4
Beruf Schneider
Geschäftsadresse
Familienstand verheiratet
Verwandschaftsverhältnis Ehemann von Elise Wilhelmine Staack
Deportation keine, Flucht nach Belgien, Internierung St. Cyprien
Todesdatum 19.02.1941
Sterbeort KZ Argèles, Frankreich

Adolph Polewoy1 und Familie

Idel (Adolph) Polewoy stammt aus Torgowitze im Bezirk Odessa in Russland. Er wurde am 23. Januar 1893 als Sohn von Jankel (Undi) Israilowitsch Polewoy, wohnhaft in Uman, und Unbekannt, geb. Passländer2, geboren.

Am 10.Oktober 1919 ließ sich Idel Polewoy als selbstständiger Schneider in Stralsund nieder3. 1920 wurde hier sein ältester Sohn, Erich, geboren, ein Jahr später Kurt und im November 1926 der jüngste Sohn, Karl Heinz. Im September 1926 heiratete er die aus Fleether Mühle, Mecklenburg, stammende Nicht-jüdin Elise Wilhelmine Staack in Stralsund. Nach einer ersten Wohnung in der Unnützen Straße 24 zog die Familie in die Papenstraße 45. Diese Adresse wurde ihr langjähriges Zuhause.

Adolph Polewoy war Mitglied der Stralsunder Synagogengemeinde. Als Jude durfte er ab 19386 sein Gewerbe nicht mehr ausüben und auch sonst keiner Erwerbstätigkeit nachgehen: im Sommer 1938 musste er seine Arbeit als Bügler bei der Färberei Pelzher, die er seit Anfang des Jahres innehatte, aufgeben und stattdessen als Jude in „privilegierter Mischehe“ für das Stadtbauamt Erdarbeiten verrichten.

Die ständige Diskriminierung und der Mangel an Erwerbsmöglichkeiten trieben Adolph Polewoy kurz nach den Novemberpogromen 1938 in die Flucht. Ein im selben Haus wohnender SA-Mann hatte einen Dolch in die Wohnung der Polewoys geworfen, um Adolph wegen illegalen Waffenbesitzes festnehmen zu können. Adolph wartete nicht ab und verließ die Stadt und das Land. In den Dokumenten des Stralsunder Stadtarchivs ist verzeichnet, dass er am 1. Dezember 1938 nach Belgien ging, wo er den Aussagen seiner Familie nach am 4. Dezember 1938 eintraf.

Der Aufsatz von Peter Genz „170 Jahre Jüdische Gemeinde Stralsund“ widmet dem Schicksal von Adolph Polewoy in Belgien einen kurzen Abschnitt. Es heißt dort: „Er gelangte illegal nach Brüssel, musste von dort nach Frankreich fliehen, geriet in Bordeaux in die Hände der Gestapo (Mai 1940) und wurde nach St. Cyprien/Belgien in das dortige Sammellager verbracht. Die Wachmannschaft der SS trieb die Gefangenen dieses Lagers in einen nahen Steinbruch und sprengte den dann anschließend. Polewoy kam dabei ums Leben.“

Diese Angaben konnten weder von den Nachkommen Adolph Polewoys noch von uns belegt werden. Wohl aber taucht der Namen Adolph Polewoy in den Gefangenenlisten von St. Cyprien auf und auch seine Briefe an die Familie sind Beleg für seine Gefangenschaft7.

Der Tag seines Todes datiert auf den 19. Februar 1941.

Adolph Polewoys Familie überlebte die NS-Zeit in Stralsund. Seine drei Söhne und seine Ehefrau wurden von den Nationalsozialisten als “Mischlinge I. Grades” geführt. Der älteste Sohn, Erich, musste noch im Januar 1945 in der Organisation Todt Zwangsarbeit leisten8. Erich kam in das Lager Rothenförde bei Staßfurt und später in das Arbeitslager Wolmirsleben. Nach der Befreiung des Lagers am 11. April 19459 durch die Amerikaner kehrte Erich nach Stralsund zurück. Anfang 1946 heiratete er hier die zwanzigjährige Elli Marta Herta Westphal und lebte mit ihr bis 202010 in Stralsund. Auch Kurt und Karl-Heinz heirateten, sind aber mit ihren Familien heute nicht mehr in Stralsund ansässig.

Quellen:

  1. Eheurkunde Adolf Polewoy und Wilhelmine Elise Staack, in Familienbesitz
  2. Stadtarchiv Stralsund, Rep. 18, Nr. 432, Nr. 435
  3. Familienarchiv des Enkels von Adolf Polewoy, Jens Polewey
  4. Schreiben des USSR Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten aus dem Jahre 1925, in: Familienarchiv Polewey
  5. P. Genz: 170 Jahre Jüdische Gemeinde Stralsund, enthalten in: Schoeps/Heitmann: Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben…, Georg Olms Verlag Hildesheim, New York, Zürich, 1995
  6. Marcel Bervoets-Tragholz: La Liste de St. Cyprien, Alice Editions, Bruxelles, 2006, unter: www.books.google.de

1 Der Name Polewoy (ukrainisch Poleweji) wurde durch einen Schreibfehler von offizieller Stelle unbeabsichtigt in Polewey geändert.
2 Schreiben des USSR Volkskommissariats für Innere Angelegenheitenaus dem Jahre 1925, in: Familienarchiv Polewey
3 Quelle: Brief der obersten Polizeibehörde Stralsunds an das Justizministerium Brüssel vom 21. März 1939.
4 Die Unnütze Straße war bis zum Ende des 19. Jh. eine der übelsten Straßen Stralsunds und wurde erst danach von den Bürgern als Wohnquartier belegt.
5 Die Papenstraße ist eine seit alters her als Handwerkerstraße belegte Straße in Stralsund.
6 Die Grundlage dafür war das „Gesetz zur Änderung der Gewerbeordnung für das Deutsche Reich“ vom 06. Juli 1938.
7 Siehe dazu: Dokumente, Gedenkbuch
8 Dieses Schicksal teilte er mit Gerhard Hilzheimer, dem Geschäftsführer der “Samenhandlung Hilzheimer” aus Stralsund, der ebenfalls einen jüdischen Vater besaß.
9 siehe dazu: Bestätigung des zwangsweisen Arbeitseinsatzes für Erich Polewoy im Lager Wolmirsleben, Abschrift vom 27. Juli 1976, in: Dokumente, Gedenkbuch
10 2020 ist das Todesjahr von Elli. Erich starb 1981 in Stralsund.