Vorname Hermann
Nachname Sobel
Geburtsname
Geburtsdatum 23.03.1895
Geburtsort Tschernjatyn/Czerniatyn, Ukraine
Wohnort(e)
  • Stralsund, Tribseer Damm 7
Beruf Kaufmann An- und Verkauf
Geschäftsadresse Stralsund, Lange Straße 8
Familienstand verheiratet
Verwandschaftsverhältnis Ehemann von Minna Hilsenrath (1900-1999), Vater von Samuel Leon (1933-2010)
Deportation Flucht in USA 1938 keine, Überlebender
Todesdatum August 1947
Sterbeort New York, USA

Hermann Sobel und Familie

Hermann Sobel wurde am 23. März 1895 in Czerniatyn, Ukraine, geboren. Er war Sohn jüdischer Eltern, Kaufmann und heiratete – wahrscheinlich 1921 – die am 16. September 1900 in Kolomyja, Ukraine, gebore-ne Jüdin Minna Hilsenrath. Im selben Jahr wanderte seine Mutter Hudi (geb. 1881) mit seinen Geschwi-stern Jetti (geb. 1907), Michael/Mechel (geb. 1910), Samuel/Schmerl (geb. 1911) und Moses (geb. 1913) nach New York1 aus.

Am 6. Februar 1922 wurde Hermanns Sohn, Samuel Leon, geboren. Nach einigen Monaten zog die Familie in die Kleinstadt Kolomyja, die über eine größere jüdische Gemeinde verfügte. Für Hermann, der seine Familie mit einem Getreidehandel ernährte, wurde es aufgrund der antisemitischen Gesetze und Verfügun-gen der polnischen Regierung immer schwerer, diese Existenz zu sichern.

Eine Schwester von Minna lebte in Berlin und war mit dem Textilkaufmann Max Thau verheiratet, der mehrere Niederlassungen in deutschen Städten unterhielt. 1928 entschloss sich Hermann dazu, mit seiner Familie nach Stralsund zu ziehen und das dortige Geschäft seines Schwagers zu führen. Sein Sohn Samuel, der in Polen nur Hebräisch gesprochen hatte, lernte rasch Deutsch und wurde 1929 in die Volksschule ein-geschult. Nach vier Jahren Volksschule bestand Minna darauf, dass er das städtische Gymnasium besuch-te. Als guter Sportler vertrat Samuel noch 1933 und 1934 das Gymnasium bei den stadtinternen Sportwett-kämpfen der Stralsunder Schulen und wurde als einer der Besten mit einer Urkunde geehrt. 1935 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung2 vom Gymnasium gewiesen und ging nach Hamburg, wo er, mit einem Stipendium versehen, auf der Talmud-Thora-Schule am Grindelberg seinen Bildungsweg fortsetzen konnte.

Die Familie Sobel erscheint in der Mitgliederliste der Synagogengemeinde von 1934 mit Wohnsitz im Tribseer Damm 7. Hermann Sobel betrieb dort einen An- und Verkauf. Das Gebäude mit Ladenlokal ist heute noch erhalten. Im April 1938 befand sich Hermann’s Kleider- und Schuhwarenladen in der Langen-straße 8. Im gleichen Monat wurde Hermann verhaftet und beschuldigt, in seinem Geschäft Uniformen der Hitlerjugend zu verkaufen3. Das war jüdischen Kaufleuten per Gesetz verboten. Die Anklage gegen Her-mann Sobel musste fallengelassen werden, aber der Richter empfahl ihm, schnellstmöglich Deutschland zu verlassen, wenn er bei einer erneuten Verhaftung nicht die Internierung in einem Konzentrationslager ris-kieren wolle. Nach der Verhandlung verschwand Hermann umgehend aus der Stadt und konnte mittels Reisepapieren, die ihm sein Bruder aus den Vereinigten Staaten zukommen ließ, in die USA fliehen.

Minna und ihr Sohn Samuel Leon blieben Mitglieder der Synagogengemeinde Stralsund bis zur Auflösung derselben im Jahre 1938. Da sie die polnische Staatsbürgerschaft besaßen, standen sie auf der Liste der nach Polen abzuschiebenden Juden vom Oktober 19384.

Beide erhielten einen Ausweisungsbescheid, konnten sich aber unter Hinweis auf ihre bevorstehende Aus-reise in die Vereinigten Staaten der Abschiebung entziehen. Die Ausreise war allerdings noch nicht organi-siert. Die polnischen Behörden verweigerten die Anerkennung der Reisepässe aller in den letzten fünf Jah-ren nicht in Polen wohnenden polnischen Juden5. Ohne einen gültigen Reisepass war es nicht möglich, ein Visum der USA zu erlangen. Minna reiste kurzerhand nach Stettin und es gelang ihr, am 17. Januar 1939 den Validierungsstempel der polnischen Behörden zu bekommen. Zwei Tage später hatte sie auch die Visa für sich und Samuel. Mit dem Zug fuhren beide über Aachen nach Rotterdam. Auch diese Reise verlief nicht unproblematisch. Am Grenzübergang in Aachen holte die SS alle Juden aus dem Zug heraus und hinderte sie an der Weiterfahrt. Als der Zug wieder anfuhr, nutzten Minna und Samuel das Durcheinander und sprangen wieder auf. Mit der Hilfe von holländischen Passagieren, die sie unter ihrem Reisegepäck und ihrer Garderobe verbargen, gelangten beide über die deutsch-holländische Grenze und erreichten Rotterdam rechtzeitig zur Abfahrt ihres Schiffes „Volendam“. Nach einer 10tägigen Überfahrt bei rauher See trafen sie am 7. Februar 1939 in New York ein.

Die Familie von Hermann hatte sich bereits 1921 in der Bronx niedergelassen; sein Bruder hatte eine Firma für Blechplatten gegründet und arbeitete als Bauunternehmer. Auf einer seiner Baustellen fand Hermann nach seiner Flucht Arbeit als Nachtwächter. Samuel begann in der Firma seines Onkels eine Lehre als Metallverformer und arbeitete bis kurz vor dem Kriegsende auf den verschiedenen Baustellen der Stadt. Nebenbei ging er zur Abendschule, machte seine Mittlere Reife und schrieb sich danach in das städtische College ein, das er mit der Höheren Reife abschloss. Bei Kriegseintritt der Vereinigten Staaten meldete sich Samuel zum Militärdienst und sollte aufgrund seiner Mehrsprachigkeit in einer Spezialeinheit dienen. Bei der ärztlichen Untersuchung diagnostizierte der Arzt jedoch Tuberkulose; Samuel konnte den Militärdienst nicht antreten.

Im April 1941 beantragte Samuel Leon die amerikanische Staatsbürgerschaft. Im gleichen Jahr lernte er seine spätere Ehefrau Edith, geb. Scheer, kennen. Sie war mit ihrer Familie aus Deutschland über Belgien in die USA geflohen. Sie heirateten am 6. Juni 1950 und nahmen ihre Wohnung in Riverdale, Bronx, New York. Keiner aus den Familien Sobel, Hilsenrath und Scheer kehrte später wieder nach Deutschland zurück.

Samuel und Edith waren wie die anderen Mitglieder ihrer Familien aktive Mitglieder der „Conservative Synagogue Adath Israel of Riverdale“. Sie zählen zu den Gründern des Riverdale Jewish Community Council und des „Holocaust Gartens“6 von Riverdale. Ihre Namen finden sich in einem “Remembrance Book”7, das verdienten Mitgliedern dieser Gemeinschaft gewidmet ist. An Hermann Sobel, der 1947 unerwartet an einer schweren Krankheit verstarb, erinnert heute eine Inschrift an einer Stele im Innenraum der CSAIR in New York.

Edith starb 2007 und Samuel am 2. August 2010 im Alter von 88 Jahren in New York. Ihr 1955 geborener Sohn lebt heute in South Orange, Essex County, New Jersey. Seine Ehefrau verstarb dort 2011.

Quellen:

  1. Wohnungsanzeiger Stralsund 1924-1941
  2. Stadtarchiv Stralsund, Rep. 18, Nr. 432, Synagogengemeinde
  3. Stadtarchiv Stralsund, Rep. 18, Nr. 434, Ausweisung polnischer Staatsangehöriger
  4. Stadtarchiv, Rep. 18, Nr. 435, Verzeichnis der in Stralsund lebenden Juden und “jüdischen Mischlinge”
  5. USC Shoah Foundation’s Visual History Archive, Interview mit Samuel Leon Sobel und Edith Sobel, recherchiert am 12. Februar 2021
  6. www.legacy.com, 12. Februar 2021
  7. www.riverdalepress.com/stories/Symagogue-hosts-tribute-to-Jewish-leaders-work,40931, vom 30. April 2009, recherchiert am 12. Februar 2021
  8. CSAIR Newsletter, Juni/Juli/August 2017, S. 8, https://issuu.com/csairbronx/docs/synagramjune-aug2017 , recherchiert am 6. März 2021
  9. Interview mit Samuel Sobel, unter www.sfi.usc.edu, abgerufen am 21. Juni 2021
1Der Vater Markus findet sich nicht auf den Passagierlisten der SS “Argentina” vom 22. Oktober 1921. Möglicherweise war er bereits verstorben.
2Siehe „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ vom 25. April 1933
3Grundlage der Anklage war das “Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen. vom 20. Dezember 1934.”
4die sogenannte „Polenaktion“.
5Siehe dazu: „Gesetz über den Entzug der Staatsbürgerschaft“ vom 31. März 1938 und Verfügung über Validierung der im Ausland ausgestellten polnischen Reisepässe vom 09. Oktober 1938.
6Eine Gartenanlage, die der Erholung, aber auch der Erinnerung an Holocaustopfer der Familien der Riverdale Community dient. Es gibt hier verschiedene Gedenktafeln, die die Namen der Holocaustopfer aus der Gemeinde verzeichnen.
7siehe dazu: www.csair.org/form/book-of-remembrance